Wie krank ist unser Gesundheitssystem wirklich?

11. Wirtschaftsforum im Dresdner Waldschlösschen (Dresden, 28.11.2002): 

Gestern Abend entbrannte in der Landeshauptstadt eine lebhafte Sachdiskussion über die Zukunft des Gesundheitswesens. Im Rahmen des 11. Dresdner Wirtschaftsforums im Wald-schlösschen äußerten sächsische Experten und Lobbyvertreter ihre Standpunkte zu Chancen, Risiken und Nebenwirkungen einer Reform. Rund 80 Gäste aus Wirtschaft, Stadt und Politik verfolgten auf Einladung von Bayerische Immobilien AG und Bayerische Hausbau das Wortgefecht.

Sachinformation stand im Vordergrund der von mdr-Moderation Beate Werner geleiteten Podiumsdiskus-sion. Einig waren sich alle Interessenvertreter, dass unser aus Bismarck-Zeiten anno 1884 stammendes Gesundheitssystem im jetzigen Zustand keine Überlebenschance mehr hat. Die Suche nach sinnstiftenden Reformen zur Heilung der krankmachenden Ursachen im System sehen Sachsens Apotheker und Ärzte, Pharmaindustrie, CDU-Bundestagsabgeordnete und Krankenkassen allerdings differenziert. Für Dr. Breyer als Pressesprecher der Sächsischen Zahnärzte ist klar: „Die Politik wälzt Probleme auf die Heilberufe ab und verunsichert damit die Patienten. Es ist Zeit für einen mutigen Schritt.” Veränderungen befürwortet auch Thomas Bodmer als Vorstand der BKK Zollern-Alb und fordert mehr Wettbewerb im Service der Krankenkassen. „In den nächsten drei Jahren muss eine Marktbereinigung stattfinden. Über 300 Kranken-kassen sind zuviel”, so Bodmer. Chancen für eine Wettbewerbssteigerung unter den gesetzlichen Kassen kann Kerstin Nikolaus dagegen nicht erkennen. „97 Prozent aller Leistungen sind gleich. Da hilft nur eine Änderung des Gesetzes hin zu Grund- und Wahlleistungen”, meint die Gesundheitspolitische Sprecherin der CDU-Landtagsfraktion. Beifall des konzentriert zuhörenden Publikums erntete Thomas Bodmer für seine Vision möglicher Kooperationen zwischen gesetzlichen und privaten Kassen.

Emotionale Wellen schlug die erwähnte Verordnung zum Fallpauschalensystem für Krankenhäuser. Die Diagnosis Related Groups – kurz DRG's – sollen nach australischem Vorbild ab 2003 an deutschen Kran-kenhäusern praktiziert werden. „Blutige Entlassungen” werden befürchtet, wenn als Folge der DRG's bei-spielsweise die Verweildauer nach Operationen weiter verkürzt wird, um Kosten zu sparen. Statt auf Hor-rorszenarien setzen Pharmaindustrie und Apotheker auf Forschung und nachhaltige Sparmaßnahmen. „Ei-ne Arzneimittelentwicklung kostet heute 500 Millionen Dollar”, berichtete Dr. Hoffmann. „Dank steigen-der Herstellerabgaben geht unsere Marge gegen Null. Setzt sich dieser Trend fort, stehen auch die 600 Arbeitsplätze des Arzneimittelwerkes Dresden auf dem Spiel”, beschrieb der AWD-Leiter Customer Ser-vice die Situation. „Es bringt nichts, die Zuzahlungen für Medikamente runterzusetzen”, resümierte Hans Knoll. Für den Präsidenten der Sächsischen Landesapothekerkammer steht fest, „dass die Politik des Lö-cherstopfens die Probleme nur verschiebe und mit dem Vorschaltgesetz den Apotheken die wirtschaftliche Grundlage entzogen würde. „Die Apotheker schlagen eine Änderung der Preisspannenverordnung vor, durch die sofort 450 Millionen Euro und jedes weitere Jahr 150 Millionen Euro im Arzneimittelbereich gespart würden“, so Knoll. Nachhaltigkeit und Eigenverantwortung der Patienten müssen gefördert wer-den. Oder wie Thomas Bodmer meinte: „Gesunde Lebensweise sollte Vorteile für den Versicherten brin-gen.”

Ausgewogenheit nach Verursacherprinzip, Eintrittsgebühr bei Hausarztbesuch, elektronische Krankenakte und Prävention – auch dafür bot der anderthalb Stunden andauernde Meinungsaustausch reichlich Ge-sprächsstoff. Am Ende der brisanten Debatte ahnte wohl jeder Zuhörer, dass unser Gesundheitssystem weder ein Reförmchen noch eine Reform braucht. „Es benötigt eine Revolution!” beschrieb Dr. Breyer stellvertretend für alle das erkannte Ziel.

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