Rezepturen – High-Tech in Handarbeit

Dresden (SLAK, 06.06.2018): 

Tag der Apotheke: Sachsens Apotheker schließen täglich Medikationslücken

Sie sind auch in Zeiten industriell hergestellter Arzneimittel unverzichtbar: individuell angefertigte Medikamente aus der heimischen Apotheke, sogenannte Rezepturen. Rund 13,5 Millionen Mal haben Deutschlands Apotheken damit 2015 allein für Versicherte der Gesetzlichen Krankenversicherung therapeutische Lücken geschlossen, weil Fertigarzneimittel nicht in der benötigten Dosierung, Konzentration, Wirkstoffkombination oder Darreichungsform erhältlich waren. Anlässlich des Tags der Apotheke am 7. Juni erklärt Göran Donner, Vizepräsident und Pressesprecher der Sächsischen Landesapothekerkammer, warum diese Dienstleistung durch nichts zu ersetzen ist.

Herr Donner, die Pharmaindustrie versorgt uns mit einer Fülle von Fertigpräparaten. Wieso stellen Apotheker überhaupt noch selber Medikamente her?

Ganz einfach: weil es täglich vorkommt, dass Patienten nicht mit einem Fertigarzneimittel behandelt werden können. Das können Kinder sein, für die es an altersgerechten Dosierungen und Darreichungsformen fehlt. Oder ein Patient, der allergisch auf einen gängigen Trägerstoff reagiert oder eine seltene Wirkstoffkombination benötigt. Und gar nicht wenige Erwachsene tun sich extrem schwer mit dem Schlucken von Tabletten. In solchen Fällen greifen die Apotheker selbst zu Becherglas und Salbenschale und stellen das Medikament in ihrem Labor für den Patienten her.

Lernen Apotheker das Herstellen von Medikamenten in ihrer Ausbildung?

Natürlich. Diese pharmazeutische Handwerkskunst ist integraler Bestandteil sowohl des Pharmaziestudiums wie der praktischen Ausbildung, schließlich handelt es sich um eine der Kernkompetenzen des Berufes. Medikamente herzustellen: das war und ist seit Jahrhunderten eine traditionelle Aufgabe der Apotheker. Und sie gehört für Deutschlands Apothekenpersonal bis heute zum Alltag: Pro Tag werden hierzulande durchschnittlich knapp 40.000 Individualrezepturen angefertigt – drei Viertel davon auf eine ärztliche Verordnung hin –, und zwar selbstverständlich mit modernsten Methoden und gemäß aktueller wissenschaftlicher Erkenntnisse. Unterstützt werden die Apotheker dabei von den Pharmazeutisch-technischen Assistenten, die unter Aufsicht häufig auch selbst Rezepturen herstellen.

Ohne diese Leistung der Apotheken könnten also viele Patienten nicht oder nur unzureichend mit Arzneimitteln versorgt werden?

Exakt. Vor allem Kinder und Säuglinge sind, wie gesagt, oft auf maßgeschneiderte Arzneimittel angewiesen: etwa für jedes dritte Kind ist schon einmal ein Medikament individuell in der Apotheke angefertigt worden, das sind rund eine Million Zubereitungen pro Jahr. Auch Allgemeinmediziner und Dermatologen verordnen häufig Rezepturen, weil sich damit individuelle Besonderheiten des Patienten – Unverträglichkeiten, Probleme bei der Einnahme, spezielle Wirkstoffkombinationen – bei der Arzneimitteltherapie berücksichtigen lassen. Etwas mehr als die Hälfte aller individuellen Zubereitungen zählt dazu, sie können in jeder öffentlichen Apotheke hergestellt werden. 2016 waren das rund 7,4 Millionen.

Jede öffentliche Apotheke in Deutschland verfügt über ein Labor?

Ganz genau. Die Herstellung von Rezepturen ist aufwändig und arbeitsintensiv. Sie erfordert nicht nur ein entsprechend ausgestattetes Labor, sondern auch viel Zeit und Personal, das fachlich stets auf dem neuesten Stand sein muss. Daneben gibt es Spezialrezepturen, die nur in spezialisierten Apotheken angefertigt werden, weil ihre Herstellung noch höhere technische und räumliche Anforderungen stellt. Dazu zählen Mittel gegen Autoimmunerkrankungen und Krebs sowie Lösungen zur künstlichen Ernährung schwerkranker Patienten.

Wie geht der Apotheker bei der Rezepturanfertigung vor, was muss er beachten?

Am Anfang steht stets eine Plausibilitätsprüfung: der Apotheker kontrolliert, ob der Wirkstoff in der angegebenen Dosierung und Darreichungsform auch tatsächlich so wirken kann wie beabsichtigt. Dann schreibt er eine detaillierte Handlungsanweisung für den gesamten Herstellungsprozess. Verarbeitet wird grundsätzlich nur, was der Arzt auf dem Rezept vorgibt. Das ist mitunter eine echte pharmazeutische Herausforderung – etwa, wenn Wirkstoff und Trägersubstanz sich schlecht miteinander vertragen. Manchmal ist auch eine Rücksprache mit dem Arzt nötig, damit das Unverträglichkeits-Problem gelöst werden kann. Erst nach einer sorgfältigen Prüfung der Ausgangsstoffe geht es schließlich an die Zubereitung. Zum Schluss wird jede Rezeptur patientenindividuell beschriftet, inklusive Hinweisen zu Einnahme und Lagerung sowie dem Verfallsdatum. Um den gesamten Prozess nachvollziehbar zu machen, werden sämtliche Herstellungsschritte für jedes einzelne Präparat dokumentiert. Insgesamt ein immens hoher Aufwand, der aber – ebenso wie standardisierte Herstellungsverfahren und regelmäßige Ringversuche – garantiert, dass nur pharmazeutisch einwandfreie Präparate in die Hände der Patienten gelangen. Denn Rezepturarzneimittel müssen ebenso hohen Qualitätsmaßstäben genügen wie industriell gefertigte Präparate.

Könnten Versandapotheken das auch leisten?

Theoretisch schon, aber meist haben sie kein Interesse daran, weil der Aufwand weitaus höher ist als die Erträge. Und bei einer Reihe von Rezepturarzneimitteln ist von einer Bestellung im Versandhandel dringend abzuraten, weil auch Transport, Lagerung und Herausgabe besondere Anforderungen stellen, z. B. flüssige Spezialrezepturen bei Krebserkrankungen und Medikamente mit sehr kurzer Haltbarkeit oder mit Kühlungsbedarf. Generell gilt: bei den öffentlichen Apotheken ist der sachgemäße Umgang mit Arzneimitteln jederzeit zu 100 Prozent gewährleistet. Bei einer anonymen Versandapotheke, noch dazu im Ausland, wäre ich mir da nicht so sicher. Nur der Apotheker vor Ort kann im persönlichen Kontakt umfassend und individuell zu Einnahme, Neben- und Wechselwirkungen u. ä. beraten.

Ist den Patienten bewusst, wie viel die öffentlichen Apotheken täglich leisten?

Die Anfertigung von Rezepturen ist eine unverzichtbare Apothekenleistung von unschätzbarem Wert. Mit ihr schließen die öffentlichen Apotheken die Lücken in der Arzneimittelversorgung der Bevölkerung: kein Patient muss auf eine benötigte Medikation verzichten, nur weil der Wirkstoff nicht als geeignetes Fertigarzneimittel vorliegt. Damit das so bleibt, müssen wir auch in Sachsen alles dafür tun, um das flächendeckende Apothekennetz zu erhalten.

 

Jedes Jahr am 7. Juni ist der „Tag der Apotheke“. Die ABDA – Bundesvereinigung Deutscher Apothekerverbände ruft diesen Aktionstag seit 1998 aus, um auf den Stellenwert der öffentlichen Apotheken als Instanz im Gesundheitswesen und die Bedeutung des apothekerlichen Heilberufes für die Arzneimittelversorgung aufmerksam machen. Dabei stehen die Betreuung der Patienten durch das pharmazeutische Personal und das breite Leistungsspektrum der Apotheken im Fokus. Viele Apotheken nutzen den Tag der Apotheke für besondere Aktionen und informieren über Gesundheitsthemen. Erstmals fand der Tag der Apotheke am 10. September 1998 statt.

Quelle: ABDA – Bundesvereinigung deutscher Apothekerverbände, www.abda.de

 

Pressekontakt:

Göran Donner

Löwen-Apotheke

Kirchplatz 2, 
01744 Dippoldiswalde

Tel.: 03504/ 61 24 05
 / E-Mail: vizepraesident@slak.de

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